Letzte Stunde haben wir Saisonbeginn von Elisabeth Langgässer, eine Kurzgeschichte über die Judenverfolgung, gelesen. Heute werden wir eine andere Kurzgeschichte der Nachkriegsliteratur lesen. Bei diesem Text gehört die folgende Aufgabe.
Heinrich Böll:
Wanderer, kommst du nach Spa...
(1950)
Ich schloß wieder die Augen und dachte, du mußt doch herauskriegen, was du für eine
Verwundung hast und ob du in deiner alten Schule bist.
Mir kam das alles so kalt und gleichgültig vor, als hätten sie mich durch das Museum
einer Totenstadt getragen, durch eine Welt, die mir ebenso gleichgültig wie fremd war,
obwohl meine Augen sie erkannten, nur meine Augen; es konnte doch nicht wahr sein,
daß ich vor drei Monaten noch hier gesessen, Vasen gezeichnet und Schriften gemalt
hatte, daß ich in den Pausen hinuntergegangen war mit meinem Marmeladenbutterbrot,
vorbei an Nietzsche, Hermes, Togo, Cäsar, Cicero, Marc Aurel, ganz langsam bis in den
Flur unten, wo die Medea hing, dann zum Hausmeister, zu Birgeler, um Milch zu trinken,
Milch in diesem dämmerigen kleinen Stübchen, wo man es auch riskieren konnte, eine
Zigarette zu rauchen, obwohl es verboten war. Sicher trugen sie den, der neben mir
gelegen hatte, unten hin, wo die Toten lagen, vielleicht lagen die Toten in Birgelers
grauem kleinem Stübchen, wo es nach warmer Milch roch, nach Staub und Birgelers
schlechtem Tabak ...
Endlich kamen die Träger wieder herein, und jetzt hoben sie mich auf und trugen mich
hinter die Tafel. Ich schwebte wieder, jetzt an der Tür vorbei, und im Vorbeischweben
sah ich, daß auch das stimmte: über der Tür hatte einmal ein Kreuz gehangen, als die
Schule noch 41 Thomas-Schule hieß, und damals hatten sie das Kreuz weggemacht, aber
da blieb ein frischer dunkelgelber Fleck an der Wand, kreuzförmig, hart und klar, der fast
noch deutlicher zu sehen war als das alte, schwache, kleine Kreuz selbst, das sie
abgehängt hatten; sauber und schön blieb das Kreuzzeichen auf der verschossenen
Tünche der Wand. Damals hatten sie aus Wut die ganze Wand neu gepinselt, aber es
hatte nichts genützt; der Anstreicher hatte den Ton nicht richtig getroffen: das Kreuz
blieb da, bräunlich und deutlich, aber die ganze Wand war rosa. Sie hatten geschimpft,
aber es hatte nichts genützt: das Kreuz blieb da, braun und deutlich auf dem Rosa der
Wand, und ich glaube, ihr Etat für Farbe war erschöpft und sie konnten nichts machen.
Das Kreuz war noch da, und wenn man genau hinsah, konnte man sogar noch eine
deutliche Schrägspur über dem rechten Balken sehen, wo jahrelang der
Buchsbaumzweig gehangen hatte, den der Hausmeister Birgeler dorthinter klemmte, als
es noch erlaubt war, Kreuze in die Schulen zu hängen ...
Das alles fiel mir in der kleinen Sekunde ein, als ich an der Tür vorbeigetragen wurde
hinter die Tafel, wo das grelle Licht brannte. Ich lag auf dem Operationstisch und sah
mich selbst ganz deutlich, aber sehr klein, zusammengeschrumpft, oben in dem klaren
Glas der Glühbirne, winzig und weiß, ein schmales, mullfarbenes Paketchen wie ein
außergewöhnlich subtiler Embryo: das war also ich da oben. Der Arzt drehte mir den
Rücken zu und stand an einem Tisch, wo er in Instrumenten herumkramte; breit und alt
stand der Feuerwehrmann vor der Tafel und lächelte mich an; er lächelte müde und
traurig, und sein bärtiges, schmutziges Gesicht war wie das Gesicht eines Schlafenden;
an seiner Schulter vorbei auf der schmierigen Rückseite der Tafel sah ich etwas, was
mich zum ersten Male, seitdem ich in diesem Totenhaus war, mein Herz spüren machte:
irgendwo in einer geheimen Kammer meines Herzens erschrak ich tief und schrecklich,
und es fing heftig an zu schlagen: da war meine Handschrift an der Tafel. Oben in der
obersten Zeile. Ich kenne meine Handschrift: es ist schlimmer, als wenn man sich im
Spiegel sieht, viel deutlicher, und ich hatte keine Möglichkeit, die Identität meiner
Handschrift zu bezweifeln. Alles andere war kein Beweis gewesen, weder Medea noch
Nietzsche, nicht das dinarische Bergfilmprofil noch die Banane aus Togo, und nicht
einmal das Kreuzzeichen über der Tür: das alles war in allen Schulen dasselbe, aber ich
glaube nicht, daß sie in 42 anderen Schulen mit meiner Handschrift an die Tafeln
schreiben. Da stand er noch, der Spruch, den wir damals hatten schreiben müssen, in
diesem verzweifelten Leben, das erst drei Monate zurücklag: Wanderer, kommst du nach
Spa ...
Oh, ich weiß, die Tafel war zu kurz gewesen, und der Zeichenlehrer hatte geschimpft,
daß ich nicht richtig eingeteilt hatte, die Schrift zu groß gewählt, und er selbst hatte es
kopfschüttelnd in der gleichen Größe darunter geschrieben: Wanderer, kommst du nach
Spa ... Siebenmal stand es da: in meiner Schrift, in Antiqua, Fraktur, Kursiv, Römisch,
Italienne und Rundschrift; siebenmal deutlich und unerbittlich: Wanderer, kommst du
nach Spa ... Der Feuerwehrmann war jetzt auf einen leisen Ruf des Arztes hin beiseite
getreten, so sah ich den ganzen Spruch, der nur ein bißchen verstümmelt war, weil ich
die Schrift zu groß gewählt hatte, der Punkte zu viele. Ich zuckte hoch, als ich einen
Stich in den linken Oberschenkel spürte, ich wollte mich aufstützen, aber ich konnte es
nicht: ich blickte an mir herab, und nun sah ich es: sie hatten mich ausgewickelt, und ich
hatte keine Arme mehr, auch kein rechtes Bein mehr, und ich fiel ganz plötzlich nach
hinten, weil ich mich nicht aufstützen konnte; ich schrie; der Arzt und der
Feuerwehrmann blickten mich entsetzt an, aber der Arzt zuckte nur die Schultern und
drückte weiter auf den Kolben seiner Spritze, der langsam und ruhig nach unten sank;
ich wollte wieder auf die Tafel blicken, aber der Feuerwehrmann stand nun ganz nah
neben mir und verdeckte sie; er hielt mich an den Schultern fest, und ich roch nur noch
den brandigen, schmutzigen Geruch seiner verschmierten Uniform, sah nur sein müdes,
trauriges Gesicht, und nun erkannte ich ihn: es war Birgeler. »Milch«, sagte ich leise ...
Die nächste Aufgabe wird ein klein Bischen wie die Prüfung am Ende des Schuljahrs aussehen. Bei der Prüfung bekommt man ein Hörfragment und einen Text. Über das Hörfragment und den Text muss man, dann etwas schreiben, wie zum Beispiel ihre eigene Meinung.
Bei dieser Aufgabe schauen wir eine Folge von Logo TV an. Ihr nehmt ein Fragment der Sendung und schreibt eure Meinung über dieses Thema auf. Benutzte beim Schreiben deiner Meinung die Grammatikkarte. Euer Text besteht aus mindestens 150 Wörter.
https://www.zdf.de/kinder/logo/logo-vom-samstag-23-maerz-2024-102.html